Brief an mein noch nicht geborenes Kind

 

Du kannst noch nicht fühlen,
noch nicht denken.
Du weißt nicht,
wie es draußen ist.
Du weißt nicht,
wie brutal der,
der sich Mensch nennt,
sein kann.
Du weißt noch nicht einmal,
was eine Lüge,
was eine Folter ist.
Du kennst noch nicht das Gefühl
traurig, verlassen zu sein.

Manchmal beneide ich dich,
weil du noch nicht einmal weißt,
was es heißt, zu wissen.

Weil du noch nicht weißt
dass es dich noch nicht gibt.
Weil an dich vielleicht
noch nicht mal gedacht wird.

Solltest du aber jemals
diese Seite der Welt betreten,
eventuell ein Teil von mir sein,
so wünsche ich dir,
dass du auch das Gute,
das Schöne kennenlernst,
ohne jemals hinabzustürzen.

Dass du die Leute finden wirst,
bei denen es noch keinen Hass,
keinen Zweifel,
keinen Zwang gibt.

Die, die noch fähig sind,
Liebe und Zärtlichkeit
zu nehmen und zu geben.
Die keine Vorurteile haben,
welche noch mit Rückgrat rumlaufen.

Du sollst die Menschen suchen,
die sich noch nicht eingegliedert haben in die Massen,
die Reihen,
die es jetzt noch gibt.

Du sollst glücklich werden,
glücklich sein,
auf diese Welt gekommen zu sein.

Du sollst dich niemals fragen,
wozu du da bist,
was für einen Sinn du hast.

Ich weiß,
es wird eine große Suche,
aber vielleicht kommst du erst dann,
wenn diese Welt
von Schönheit und Sanftheit
überflutet ist.

Wenn man sich nicht mehr erinnert,
was Früher war.
Wenn man sich fragt,
was die Worte
-Hass, Zwiespalt, Misstrauen - bedeuten,
 die man irgendwo
auf einem verblichenen Blatt Papier
ausgegraben hat.

 

©Edwin Ehrlich, 2014




(Anmerkung: Zwischenzeitlich sind meine Kinder älter als ich beim Verfassen dieser Zeilen.)

 


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Gefühle: "Erinnerungen"