Karussell

 

Vorwort

 

Der Leser möge mir nachsehen, wenn ich mich mit der Kurzgeschichte eines Klischees bediene. Es ist weder beabsichtigt, irgendeine Glaubensrichtung in den Vordergrund zu stellen, noch Eine zu verunglimpfen. Wen meine gewählten Darsteller stören sollten, der darf die Namen gerne mit für ihn passende Benennungen austauschen.

 

 

Karussell

 

Jetzt war es also soweit. Eigentlich hatte sie sich das alles etwas anders vorgestellt. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Fakt ist, sie ist gestorben. Einfach so, ohne Vorwarnung. Mitten beim Frühstück. Gerade noch wollte sie sich einen leckeren Löffel Müsli in den Mund schieben, im nächsten Moment konnte sie sich selbst sehen, wie sie mit dem Kopf in der Müslischale hing.
  Der schöne Tisch, dachte sie nur,
  alles von Milch verspritzt.
Ja was hatte sie sich überhaupt vorgestellt, wie der Tod aussieht? Es war ihr schon klar, dass da nicht der Sensenmann mit seinem schwarzen Umhang und seiner Riesensense auftauchen würde. Das hätte sie dann doch etwas aus der Fassung gebracht. Aber etwas mehr hatte sie schon erwartet. Man hat schließlich genug Geschichten zu Lebzeiten gehört. Licht am Ende des Tunnels oder das gesamte Leben, welches angeblich in Sekundenschnelle nochmal an einem vorbeizieht.
  Nichts aber auch gar nichts davon ist wahr, sinnierte sie.
  Halt, doch, etwas stimmt. Die Geschichte mit dem sich selber sehen, das erlebe ich ja gerade. Aber spektakulär ist das auch nicht, mich dort in der Müslischale zu beobachten. Ich muss wohl einen Schlaganfall gehabt haben, oder sowas,
kam ihr der Gedanke.
  Schade, ich wollte doch dieses neue Bio-Müsli ausprobieren, von dem sie alle so geschwärmt hatten. Jetzt weiß ich nicht mal ob es wirklich so gut schmeckt, wie die Werbung verspricht. Aber das ist ja jetzt wohl auch alles Wurst.
Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
  Wie es jetzt wohl weitergeht, ich bin ja wirklich voll gespannt.
Sie schaute sich in Ihrer Küche um; alles wie gehabt. Ihr lebloser Körper, die Haare langsam vollgesaugt mit Müslimilch.

  Da hätte ich mir gestern den Friseur wirklich sparen können,
ärgerte sie sich noch im Nachhinein.
  Wäre ich lieber noch ins Kino gegangen, dann hätte ich wenigstens noch was davon gehabt.
Ansonsten war die Wohnküche sehr karg und leer. Der Mann schon vor ein paar Jahren gestorben, die Kinder groß und im Ausland. Die meldeten sich eh höchstens noch einmal im Jahr bei ihr.


Doch was war das? Auf der Küchenseite, wo normalerweise die Fenster in den Innenhof sein sollten war auf einmal eine Lifttüre. Sie ging darauf zu. Es waren nur zwei Schalter darauf zu sehen.
  Was auch sonst, sind immer nur zwei Schalter drauf, aber nicht mit so einer blöden Bezeichnung, dachte Sie und drückte den Knopf mit der Aufschrift: -HOCH-.
-RUNTER- zu drücken kam für sie nicht wirklich in Frage, diese Option ließ sie erstmal aus.
Fünf Sekunden später öffneten sich die Türen.
  Mhh, sieht aus wie jeder normale dämliche Lift, regte sie sich auf.
  Die hätten sich wirklich was Besonderes einfallen lassen können.
Ist ja schließlich auch eine besondere Situation.
Mit einem Klack schlossen sich die Türen und der Fahrstuhl begann seine Reise nach oben. Gefühlte 23 Minuten später öffneten sich wieder die Türen.

  Wird auch langsam Zeit, ein wenig Musik gegen diese endlose Langeweile hier drin wäre auch nichts Dummes gewesen.
Sie stieg aus und erblickte vor sich ein riesiges doppelflügeliges Tor.
  Beeindruckend, staunte sie und klopfte in Ermangelung einer Klingel an. Langsam öffnete sich die Türe und ein sehr alter Mann mit schlohweißen Haaren und einem ebensolchen Vollbart trat heraus.

  „Ich bin Petrus und ich habe ein paar Fragen an dich“, eröffnete er das Gespräch.
  Das ist nun aber wirklich sehr klischeehaft, dachte die alte Dame, erwiderte aber nur ein höfliches
  „hallo Petrus, ich bin Martha Sauerbein und würde gerne hier herein.“
Sie grinste ein wenig, als ihr klar wurde, dass das sich nun wie ein ziemlich lächerlicher Zweizeiler in gereimter Form angehört haben musste.

  „Moment“, erwiderte Petrus,
„erst musst du mir ein paar Fragen beantworten, dann schaue ich mal, ob ich was machen kann. Ich möchte gerne wissen, was dir in deinem Leben alles Gute wiederfahren ist.“
Sie überlegte kurz.
  Das ist ja total einfach. Der Eintritt hier ist schon so gut wie gesichert.
  „Also“,
begann sie,
  „ich habe mich schon als kleines Kind, ich glaube ich war so um die zwölf Jahre alt um meine kleine Schwester und meinen Bruder gekümmert. Mein Papa ist damals schon sehr früh abgehauen und meine Mama war von morgens bis abends arbeiten. Ich habe immer geschaut, dass es beiden gut ging. Als ich dann erwachsen war und meine kleinen Geschwister dank meiner Hilfe auch schon groß und aus dem Haus waren, wurde meine Mama schwer krank. Ich bin bei ihr geblieben und habe sie versorgt. Jahre lang war sie bettlägerig und wurde ein totaler Pflegefall. Ich habe alles für sie gemacht, damit es ihr gutging“,
erzählte sie stolz.
  „Moment“
unterbrach sie Petrus,
  „ich möchte von dir wissen, was du gemacht hast, damit es dir gut geht.“
Der Redefluss von Martha ging ununterbrochen weiter.

  „ Nach dem Tod meiner Mama lernte ich dann meinen Mann kennen. Er lag damals in demselben Krankenhaus, in dem ich ab und an meine Mutter bringen musste. Damals hatte ich natürlich keine wirkliche Zeit und kein Auge für ihn, ich war ja so in Gedanken immer bei meiner Mutter. Anscheinend lag er dort wegen irgendwelchen Leberproblemen. Aber ungefähr ein Jahr später habe ich ihn dann doch auf einem Fest getroffen. Obwohl er ziemlich betrunken war, hat er mir geholfen und mich verteidigt, als zwei andere Männer sich an mir vergreifen wollten. Wer weiß, wie das ohne ihn ausgegangen wäre. Nicht mal ein halbes Jahr später haben wir dann geheiratet. Er kann schon froh gewesen sein, dass er mich hatte. Zwischenzeitlich war mein armer Mann so krank wegen seiner Leber, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Aber das habe ich alles mit meiner Arbeit im Krankenhaus wettgemacht. Ein paar Überstunden und dann hatte finanziell schon alles gepasst“

  „Ich frage dich nochmal, was hast du für dein Wohlergehen getan“, unterbrach Petrus sie erneut.
Doch Martha ließ sich auch diesmal nicht aus ihrem Konzept bringen.
  „Die Kinder kamen sehr schnell hintereinander. Insgesamt waren es vier. Weißt du, mein Mann konnte es einfach nicht so lange aushalten ohne den Sex. Eigentlich war ich ja noch gar nicht bereit, aber du weißt ja wie das ist, wenn der Mann unbedingt will. Außerdem habe ich mich dann begehrt gefühlt.
Naja, der Älteste war halt leider nicht so ganz in Ordnung. Die Ärzte meinten irgendwas von einem Hirndefekt oder so. Aber das war mir egal, geliebt habe ich ihn genauso. Keiner der anderen Kinder musste deswegen auch nur im Geringsten zurückstecken. Lieber habe ich mal eins zwei Stunden weniger geschlafen. Weißt du, ich musste ja auch noch nachts arbeiten gehen, da mein Mann das Haus gar nicht mehr verlassen hat. Aber was macht man nicht alles für das Wohlergehen seiner Familie. Irgendwann kam dann die Älteste auch noch mit einem Balg an. Stell dir mal vor, die war erst fünfzehn. Als gute Mutter bin ich da natürlich eingesprungen, der Vater von dem Kleinen hat sie ja schließlich schon in der Schwangerschaft sitzen gelassen. Ein Mäulchen mehr zu stopfen, darauf ist es nun wirklich nicht angekommen.“
  „STOP“
unterbrach Petrus sie diesmal sehr scharf,
  „ich habe dich jetzt zweimal gefragt, was du für dich gemacht hast, damit es dir selbst gutgeht. Dir selbst, hast du mich verstanden? Nicht irgendwelchen Anderen.“
Martha hielt zum ersten Male inne um über sich selbst nachzudenken.
  „Was ich für mich selbst gemacht habe?“
wiederholte sie die Frage, völlig verunsichert aus ihrem Konzept gebracht.
  „Was soll ich dazu sagen. Ich habe mein ganzes Leben immer nach den anderen Menschen geschaut, damit es ihnen gutgeht. Das war mein Lebensinhalt, dafür bin ich doch schließlich auf der Erde gewesen. Da habe ich mich gutgefühlt.  – Aber – für mich selbst? Mir fällt nichts ein, dafür habe ich nicht wirklich Zeit gehabt. Ich kam im Leben schon immer zu kurz. Daran habe ich mich einfach gewöhnt, was sollte ich sonst schon groß machen?“
presste Martha den Tränen nahe heraus.
Petrus schaute ihr sehr eindringlich, aber auch liebevoll und mitfühlend in die Augen. Sein erhobener Daumen senkte sich langsam nach unten während er eindringlich zu ihr sprach:

  „Es tut mir leid für dich Martha, ich kann dich hier noch nicht hereinlassen. Aber du brauchst keine Angst zu haben, in die unteren Stockwerke schicke ich dich nicht. Denn du hast in deinem Leben nichts wirklich Böses getan. Aber du hast vor lauter Selbstaufgabe für Andere vergessen, an dich selbst zu denken. Es dir selber gutgehen zu lassen, dich selbst zu achten und zu ehren und dich selbst zu lieben. Du bist noch nicht so weit, hier ins himmlische Reich einzutreten. Du musst noch viel Lernen. In erster Linie bist du auf der Erde, um Freude und Spaß zu haben. Um das Leben auch mit all seinen schönen Momenten zu genießen. Ich muss dich noch einmal herunterschicken in der Hoffnung, dass du diesmal ein wenig mehr auf dich achtest. Wir werden uns wiedersehen, dass verspreche ich dir. Ich möchte dir hier auch noch mal dir sicherlich bekannte Worte mit auf deinen Weg geben: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Wenn du dich selbst nicht an erste Stelle setzt und liebst, bedeutet dieser weise Spruch, dass du auch nicht wirkliche Liebe weitergeben kannst.“

Das waren die letzten Worte, die Martha noch wahrnehmen konnte. Wie in einem Tunnel verschwamm alles um sie herum. Ja, wie in einen immer enger werdenden Tunnel eingesperrt fühlte sie sich. Der Druck wurde immer stärker, auch drangen auf einmal komische sehr qualvolle Schreie an ihr Ohr. Es war stockdunkel um sie herum. Da, auf einmal nahm der Druck noch kurz zu, dann konnte sie auch schon so grelles Licht wahrnehmen, sodass sie die Augen fest zusammenkneifen musste.

  „Herzlichen Glückwunsch, es ist ein gesunder Junge“
hörte sie noch den Arzt sagen, der sie in der Hand hielt, dann fing auch schon das Vergessen an alles Vergangene an, sich in ihren Gedanken immer weiter und schneller auszubreiten.


  Hoffentlich nutze ich diesmal meine Chance hier auf Erden, war das letzte was sie noch bewusst denken konnte, bevor auch die letzte Erinnerung aus ihrem Kopf verschwand.


©Edwin Ehrlich, 29.07.2014

 

 

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