Ungewöhnliche Intelligenz

 

Rückkehr

 

Das Signal kam ohne Vorwarnung. Gelb-blau blinkte der Ring, den jeder von Ihnen am Finger trug. Das höchste Warnsignal überhaupt. Jetzt war Eile angesagt. Innerhalb spätestens einer Stunde musste jeder von Ihnen das Shuttle erreicht haben. Wer es nicht schaffte, würde unwiderruflich hierbleiben müssen. Ausnahmen gibt es nicht, das war Jedem klar. Erst beim letzten Einsatz hat es zwei von Ihnen erwischt. Sie waren verdammt dazu ihr Leben dort zu fristen, wo sie durch Unachtsamkeit zu langsam gewesen waren. Aber das haben Sie schließlich alles vorher gewusst. Eigentlich müsste es Ihnen in Fleisch und Blut übergegangen sein. Und mit den neuartigen, unabhängigen Transportmitteln dürfte es auch kein Problem sein das Schiff innerhalb der vorgegebenen Zeit rechtzeitig zu erreichen. Egal, wo auf der Oberfläche man sich aufhielt.

Gelb –blau, seit Beginn dieser besonderen Missionstrupps wurde der Alarm erst dreimal ausgelöst. Das bedeutet, sämtliche Vorkehrungen kommen zum Einsatz. Für die nächsten Fünfzehntausend Jahre wird es niemandem mehr möglich sein, diesen Planeten zu orten, zu entdecken oder zu betreten. Es wird für Außenstehende so sein, wie wenn es ihn überhaupt nicht gibt. Nicht nur dieser Planet, nein, zur vollkommenen Sicherheit gleich dieses gesamte Sonnensystem. Ebenso ist es unmöglich diese Grenze als lebendes Wesen nach außen zu überschreiten.

Seit Beginn des Alarms bereits werden alle diese Sicherheitssysteme im Moment automatisch um das komplette Sonnensystem herum installiert, sodass sie im Moment des Verlassens aktiv sein werden. Es funktioniert wie eine Tarnung, besser sogar. Das gesamte System wird durch eine Phasenverschiebung verdeckt, so dass jedermann faktisch sogar durch den eigentlichen Standort sämtlicher Planeten, sogar der Sonne hindurchfliegen kann, ohne auch nur zu bemerken, dass dort im Grund genommen etwas ist. Seit tausenden von Generationen wird das nun schon so gemacht und niemals bisher hat das System versagt oder wurde entdeckt.

Diesmal sind Alle rechtzeitig. Normalerweise ist ein schneller Start mit normalen Triebwerken problemlos, nur die Vorlaufzeiten sind etwas länger. Deshalb dürfen auch nur bei diesem speziellen gelb-blauen Alarm die Impulstriebwerke schon auf der Oberfläche gezündet werden um zu gewährleisten, in dieser so eng bemessenen Zeitspanne das Mutterschiff am Rande des Sonnensystems zu erreichen.

Mit ohrenbetäubendem Lärm setzt sich das Triebwerk in Bewegung. Glücklicherweise ist das Shuttle so gut abgedichtet, ansonsten würde die Frequenz des Impulsbeschleunigers direkt auf das Gehirn einwirken und innerhalb von 10 Sekunden wäre jeder hier drin wahnsinnig. Außerhalb des Schiffes jedoch wird alles im Umkreis von 1000 Kilometer dem Wahnsinn anheimfallen. Aber was macht das jetzt noch aus. Dort draußen ist eh alles dem Wahnsinn nahe.

Sehr schnell wird der Plantet auf den Bordbildschirmen immer kleiner und nach kurzer Zeit ist er mit dem bloßen Auge nicht mehr sichtbar. Was für ein Glück, denken sich die meisten der Passagiere. Nach kurzer Zeit schon wird das riesige Mutterschiff am Rande dieses Sonnensystems sichtbar. Die Schleusen sind schon geöffnet. Direkt nach dem Erreichen des Schiffes und nach Schließung der äußeren Hülle kann der Sphärenantrieb starten, der das Schiff innerhalb von Minuten an den Rand dieser Galaxie bringt. Erst dort, in den Weiten des absoluten Nichts kann der Hyperantrieb aktiviert werden. Würde das innerhalb der Galaxie passieren, würde diese durch die dabei entstehenden weißen Löcher innerhalb von Minuten ausgelöscht werden. Bisher ist das noch nie passiert und so soll es auch in Zukunft bleiben.

Die Neuankömmlinge machen sich genauso wie der Rest der Besatzung auf den Weg in den grossen Versammlungsraum in der Mitte des Raumkreuzers. Dort wird Ihnen allen eine kurze Zusammenfassung der vergangenen Mission bekannt gegeben. Auch werden bei diesem Treffen die Namen derjenigen genannt, die auf die Oberfläche des nächsten Zielobjekts hinabsteigen werden. Das ganze wird nur so viel Zeit in Anspruch nehmen, bis das Schiff seine neuen Koordinaten außerhalb dieser Galaxie erreicht haben wird.

Für den grossen Sprung zum nächsten Einsatzort, mehrere tausend Galaxien entfernt, gibt es noch keine Möglichkeit, bei normalem Bewusstseinszustand zu überleben. Für alle anderen Beschleunigungen gab es schon seit Urzeiten technische Hilfsmittel an Bord, damit die Bewohner von den Kräften nichts merkten. Aber sollten sich die Angehörigen dieses Schiffes bei einem Galaxiensprung dieses Ausmaßes nicht selbst in eine andere Dimensionsebene in Sicherheit bringen können würde das Ihr Ende bedeuten. Und das wäre kein schönes Ende, sondern eines, welches sich durch die entstehenden Zeitverschiebungen tausende von Jahren hinziehen würde.

Das Schiff mitsamt der Ausrüstung war so programmiert, dieses neue Ziel auch ohne Zutun der Wesen sicher erreichen zu können.

 

Erklärungen

 

Ruhe kehrte sofort ein, nachdem der letzte der Bordbewohner den Versammlungsort erreicht hatte. Der Raum war wie eine riesige Halbkugel, in der Mitte die 3D Projektionsflächen, außen herum immer weiter ansteigende kreisförmige Flächen um das Zentrum herum. So war gewährleistet, dass auch bei voller Besetzung der letzte Gast einen freien Blick auf die Mitte hatte.

Das Bild des eben besuchten Planeten erschien in der Mitte als ein winzig kleiner Punkt, kaum sichtbar. Ein großer Pfeil lenkte die Aufmerksamkeit der Zuschauer darauf, währenddessen die Stimme des Kommandanten ertönte:
     „Jeder von Euch hier kennt die Missionsaufgaben unseres Schiffes und unserer Mannschaft. Vor 15.000 Jahren wurden diejenigen Planeten von unseren Erforschungsschiffen aufgesucht und katalogisiert, welche von Lebenswesen bewohnt waren, die die Voraussetzungen hatten, sich so weit zu entwickeln, dass einmal die Möglichkeit eines Kontaktes mit anderen Rassen möglich sein kann. Damit es jedoch dazu kommen darf, gibt es verschiedene Bedingungen, die erfüllt sein müssen. Dies dient dem Schutz der jeweiligen Rasse, sowie aber auch denjenigen, die mit dieser Rasse dann konfrontiert werden.
Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, was passieren kann, wenn keinerlei Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Mehrfach schon wurden entstehende Zivilisationen vollkommen ausgelöscht, weil sie noch nicht so weit waren, sich gegen fremde feindlich gesinnte Eindringlinge in angemessenem Maße zu behaupten. Oder sie löschten im Eifer Ihrer Verteidigungsmaßnahmen fremde Völker aus, was auch nicht im Sinne des kosmischen Gleichgewichts ist.“
Während der Kommandant sprach, wechselte das bestehende Bild und zeigte verschiedene grausame Szenen aus vergangenen Kämpfen.
     „Ebenso ist es schon passiert, dass Zivilisationen sich zwar technisch, aber nicht geistig so hoch entwickelt haben, dass Sie im Zuge Ihrer interstellaren Ausbreitung andere Welten erobert, unterjocht oder ausgelöscht haben.
Wir sind dazu da, dies soweit es uns möglich ist in Grenzen zu halten oder sogar gänzlich zu unterbinden. Treffen wir also erstmalig auf eine Rasse, untersuchen wir zuerst deren Entwicklungsstand. Ist er noch technisch wie geistig sehr primitiv, errichten wir in aller Ruhe aus genannten Gründen unseren Schutzschirm und beobachten eventuell diese Rasse noch eine Weile aus der Ferne. Erst nach 15.000 Jahren kehren wir dann zu einer weiteren Überprüfung zurück.“
Der 3D Projektor zeigte jetzt einige primitivere Lebensformen auf verschiedenen Planeten beim Kampf ums tägliche Überleben.
     „Treffen wir jedoch auf so hoch entwickelte Lebensformen, dass es sich für alle Seiten lohnt mit diesen in Kontakt zu treten, dann bereiten wir alles für eine interstellare Kontaktaufnahme vor. Dies kann geschehen bei einem von uns noch nie zuvor besuchtem Volk, aber auch, wenn sich eine Rasse nach der langen Zeitspanne unseres letzten Besuchs so weit entwickelt hat, dass es nun Sinn macht, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen.“
Der Projektor in der Mitte zeigte nun verschiedene unterschiedliche Kontaktaufnahmen vergangener Zeiten und unterschiedlichster Völker.
     „Die dritte und leider selten angenehme Möglichkeit besteht darin ein System in höchster Eile sofort sperren zu müssen. Das kann bei einer für uns bisher unbekannten Zivilisation passieren. Manchmal entwickeln sich die Bewohner dieses Planeten aber auch technisch so schnell, dass die geistigen Fähigkeiten hinterherhinken, was wir dann bei einem Wiederbesuch feststellen müssen. In diesem Fall ist unverzügliches Handeln, wie soeben geschehen, notwendig und das gesamte System muss sogar in sich selbst geschützt sein, so dass es unmöglich wird, dass ein Bewohner es verlassen kann. Erst nach Ablauf der bekannten Frist werden wir dann überprüfen, ob sich die Bevölkerung nicht schon selbst ausgelöscht hat und ob sie dann bereit für eine gemeinsame Verständigung ist.“

     „Vor einiger Zeit erhielten wir ein Funksignal aus dem zuletzt besuchten Quadranten. Wir stellten fest, dass er von einer Raumsonde gesendet wurde, welche sich zu diesem Zeitpunkt bereits knapp außerhalb des Sonnensystems befand. Mit Hilfe von verschiedenen Scans konnten wir feststellen, von wo aus diese Sonde gestartet war. Wir verfolgten den Weg bis dorthin zurück und begannen mit unseren bekannten Beobachtungsmaßnahmen.“

Das Bild im Zentrum des Versammlungsraumes wechselte nun wieder auf das Ursprungsbild zurück. Langsam wurde der Planet immer grösser, bis er scheinbar greifbar den gesamten Innenraum einnahm. Er sah wunderschön aus dieser geschätzten Höhe von 250 km aus. Dann wurde das Landeschiff sichtbar, welches die Mannschaften auf die Oberfläche gebracht hatte. Dies alles war durch eine spezielle Tarntechnik für die Bewohner des Planeten trotz ihrer technischen Möglichkeiten im Verborgenen geblieben. Einen unbeabsichtigten Kontakt hatte es zum Glück in der Vergangenheit noch nie gegeben.
Während die Stimme weiter berichtete, wurden alle Szenen, über die gesprochen wurden, in der Raummitte bildlich wiedergegeben. Die Zuschauer konnten es so genau sehen, als befänden sie sich mitten in den Handlungen. Dank fortschrittlichster Entwicklungen war es Ihnen auch möglich, das dortige Geschehen nicht nur zu sehen, sondern auch zu riechen, zu schmecken, sogar zu empfinden.

 

Beobachtungen

 

     „Landetrupps wurden auf die Oberfläche entsendet, um von dort aus in die verschiedensten Gegenden dieser Welt zu gelangen und die Verhaltensweisen der Bewohner zu beobachten. Dieser Planet sticht im gesamten uns bekannten Universum durch seine Besonderheiten heraus. Niemals zuvor haben wir eine solch vielfältige Flora, Fauna und Tierwelt angetroffen. Die Artenvielfalt ist so unbeschreiblich vielschichtig, wie wir es bisher auf noch keinem Planeten entdeckt haben.“

Während den Schilderungen des Kapitäns starrten die Versammelten mit teils angehaltenen Atem auf die Bilder. Sie konnten die Eindrücke kaum verarbeiten, die sich Ihnen boten. Selbst die Erfahrensten unter Ihnen hatten so viel Schönheit und Vielfältigkeit auf einem einzelnen Planeten noch nie gesehen.

     „Auch die intelligenteren Lebensformen dort, denen ein Großteil unserer Aufmerksamkeit gilt, unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht untereinander, obwohl Sie sich anscheinend aus einem Ursprung entwickelt haben. Wir konnten über 1500 verschiedene ethnische Rassen ausmachen und doch sind sie alle in ihren Grundstrukturen gleich. Wahrscheinlich ist dies nur möglich durch die eigenwillige Achsverschiebung und Umlaufbahn des Planeten um die Sonne, verbunden mit der Anziehungskraft des Mondes, sowie auch die Zusammensetzung des Planeteninneren. Dadurch entstanden in der Vergangenheit so viele unterschiedlichste, teilweise vollkommen voneinander getrennte Ökosysteme. So mussten sich an tausenden verschiedenen Orten unterschiedlichste Lebenssysteme immer wieder anpassen und sich eigenständig entwickeln um zu überleben und weiterzukommen.“

Die Zuschauer waren zutiefst ergriffen von den Bildern, die sie in sich aufnahmen. Auch die Gerüche und Empfindungen, die all dies auslöste waren überwältigend. Einige mussten sich sogar hinsetzen, weil sie doch überrascht und auch überrannt von so vielen Eindrücken waren. Sie alle hatten schon so viele Galaxien bereist, Ökosysteme und Lebensformen gesehen, aber was sich ihnen hier darstellte, war einzigartig in der ihnen bisher bekannten Welt.

Schlagartig jedoch änderte sich auf einmal die gesamte Szenerie, während der Commander weitersprach. Es kam so abrupt, die meisten traf es wie einen Schlag in die Magengrube. Fassungslose Gesichter starrten die nun veränderten Bilder an. Einige der Zuschauer fingen an zu schluchzen, andere hielten es nicht mehr aus und drehten sich einfach um. Der Rest ließ die immer schneller werdenden Bildfolgen in sich wirken, einer Ohnmacht nahe. Manch einer kämpfte mit sich, um sich nicht in der Sicherheit versprechenden anderen Dimensionsebene in Sicherheit zu bringen, wie bei dem Galaxiensprung üblich. Es war kaum noch möglich den Bildern und auch den weiteren Worten des Sprechers zu folgen, ohne davon einen geistigen Schaden davonzutragen.

     „Leider mussten wir aber auf allen Orten dieses Planeten nicht nur unerfreuliche Dinge, sondern auch zuhöchst erschreckende Vorgänge und Verhaltensweisen beobachten, die uns zwangen, zu dem Ergebnis zu gelangen, welches uns allen bekannt ist. Genau so extrem wie seine Schönheit und alles, was bisher gezeigt wurde, genauso zeigt sich auch ein höchst destruktives und zutiefst zerstörendes Bild ab. Die nächsten Minuten werde ich schweigen und nur die Bilder wirken lassen, bevor ich zu einem endgültigen Abschlussbericht komme und wir alle uns auf den Weg zum nächsten, hoffentlich etwas erfreulicheren Zielort machen werden.“

Durch die Möglichkeit, die Bilder nicht nur zu sehen und zu schmecken sondern auch zu fühlen, erkannten die Zuschauer die gesamte zerstörerische Tragweite dessen, was sich vor ihnen abspielte.

Es war unfassbar, diese Lebewesen zu sehen, die mittendrin in einer beeindruckend schnellen technologischen Entwicklung standen. Die Zuschauer gingen davon aus, dass die geistige und spirituelle Entwicklung sich dort ebenso schnell vollzog. Aber sie sahen Lebewesen, die sich mit brachialer Gewalt mit bloßen Fäusten ins Gesicht schlugen. Ein unvorstellbares Verhalten für die Besucher. Es fiel Ihnen sichtbar schwer, dies auch nur im Ansatz nachvollziehen zu können.

Dies war jedoch nur der Anfang der Grausamkeiten. Die Bilder von Wesen, die ihre Neugeborenen direkt töteten, weil sie anscheinend keinen Platz in dem Leben der Gebärenden hatten, brannten sich ebenso in die Gehirne und Herzen der Zuschauer wie auch Bilder von männlichen Wesen, die die weiblichen Bewohner schwer misshandelten. Anscheinend waren die Bewohner dieses Planeten so weit unterentwickelt, dass sie noch nicht erkennen konnten, dass es eigentlich keinen Standesunterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Nicht nur, dass dort die Frauen fast in allen Lebenslagen schlechter als die Männer behandelt wurden, nein, sie wurden oftmals gegen ihren Willen benutzt und missbraucht. Die Zuschauer konnten nicht fassen, dass die Frauen sich dort dies alles gefallen ließen. Mehr noch, sie unterstützten mit ihrer devoten Gesamthaltung sogar diesen Mechanismus. Hatte ihnen noch niemand klargemacht, dass dies nur möglich war, indem sie es sich gefallen ließen? Welche Macht sie hätten, wenn sie weltweit dagegen aufstehen und entgegentreten würden? Anscheinend nicht.

Aber nicht nur diese Bilder verwirrten die Besucher. Es kamen Szenen von Massenvernichtungen der grausamsten Art. Würdeloser Umgang mit denjenigen, die dasselbe sind wie diejenigen, die sie umbrachten. Und das aus primitivsten Beweggründen: Weil andere Menschen die Ansichten der Aggressoren nicht teilten; weil sie Dinge hatten, die andere wollten; weil sie an andere Dinge glaubten und noch tausendfach andere primitive Gründe. Dieses Phänomen war nicht nur auf eine Rasse oder auf bestimmte Landstriche auf diesem Planeten beschränkt, es war flächendeckend überall anzutreffen.

Ebenso stöhnten die Zuschauer schmerzvoll auf, als sie erkannten, wie die Bevölkerung dort mit ihren eigenen Lebensgrundlagen umgingen. Anstatt stolz darauf zu sein, zerstörten sie sich die Grundlagen ihres Lebens. Sie beuteten ihren eigenen Planeten vollkommen aus, weit schlimmer noch, sie kannten weder Achtung noch Ehrerbietung ihm gegenüber. Merkten sie Bewohner denn nicht, dass er ein lebender und fühlender Organismus ist? Spüren sie nicht, dass sie alle unweigerlich mit ihm verbunden sind? Die Zerstörungen übertrafen alle Vorstellungen. Die Wesen vergifteten die Gewässer, die Luft, den Boden, einfach alles. Und das alles beschleunigte sich in unfassbarer Geschwindigkeit.

Auch mussten die Zuschauer entsetzt feststellen, wie unterschiedlich die Menschen die vorhandenen Dinge verteilten. Nur sehr wenige hatten sehr viel, wobei der größte Teil der Welt Bevölkerung fast gar nichts hatte. Es wäre doch so einfach, alles gereicht und gleichermaßen zu verteilen, so wie es zwischenzeitlich auf fast allen Welten gehandhabt wurde.

Langsam konnten alle Besucher verstehen, warum dieses System gesperrt werden musste. Vor allem nachdem durch die Bilder schnell klar war, dass die Bewohner kurz davor standen, sich durch ihren technologischen Fortschritt in die Weiten des Universums auszubreiten. Das musste auf jeden Fall verhindert werden.

Die Abfolge der Bilder bewirkte selbst bei den letzten Zweiflern ein Umdenken. Eigentlich sollte man eine solche Rasse auslöschen, damit wenigstens ihr Planet erhalten bliebe. Aber die höchste Maxime der Besucher war, sich nicht direkt in andere Lebensformen einzumischen. Dann würden Sie auf derselben geistigen Entwicklungsstufe stehen und nicht besser sein. Sie konnten nur versuchen größtmöglichen Schaden abzuwenden.

 

Beschluss

 

Die Stimme des Obersten durchdrang diese Bildgewalten.

     „Jetzt können sie wahrscheinlich nachvollziehen, warum diesmal der Gelb-Blaue Alarm ausgelöst werden musste. Aber trotzdem haben wir einen Unterschied zu den bisherigen zu isolierenden Bevölkerungen und Systemen feststellen müssen. Deshalb haben wir uns diesmal zu einer Änderung unserer normalen Verhaltensweisen beschlossen. Anstatt die üblichen 15.000Jahre abzuwarten, werden wir diesmal schon nach 300 Jahren zurückkehren.“

Ein Raunen des Unverständnisses ging durch die Menge.


     Nach all unseren Analysen unserer Beobachtungen haben wir festgestellt, dass diese Rasse an einem besonderen Punkt steht. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie sich selbst innerhalb noch dieser oder der nächsten wenigen Generationen unwiderruflich auslöschen wird. Auf keinen Fall jedoch brauchen wir die übliche Zeitspanne abwarten.

Jedoch gibt es hier diesmal die Möglichkeit einer vollkommen anderen Entwicklung. Wir können sehen, dass sehr viele dieser Bewohner das Potential in sich tragen für eine allübergreifende vollkommene Bewusstseinsveränderung. Es ist wie ein gigantischer Entwicklungssprung, der, sollte er eintreten, sich auf die gesamte Bevölkerung ausbreiten wird. Diese Wesen stehen kurz davor. Eine vollkommene positive Transformation ist hier möglich.“

Während der Kapitän dies erzählte, veränderten sich die Bilder in der Raummitte. Man sah einzelne Gruppen, die in der Lage waren, sich mit der Natur zu verbinden. Die verstehen konnten, was ihnen die Steine, die Bäume, die Gewässer um sie herum mitzuteilen hatten. Diese Wesen unterschieden sich vom größten Teil der restlichen Bevölkerung. Sie lebten in tiefster Liebe mit und zu sich selbst. Sie versuchten nicht, im Außen und bei ihren Mitmenschen etwas zu verändern. Sie fingen an, sich selbst zu verändern. Ihre Ansichten, Meinungen, Gedanken, Lebensweisen, einfach alles. Anscheinend steckten sie dadurch in ihrer unmittelbaren Umgebung immer mehr andere Wesen damit an.


Sie lebten im Einklang mit allem, was um sie herum war. Tiefste Liebe zu sich, zu anderen und einfach zu allem war nicht nur sichtbar, sondern direkt spürbar. Welch ein Ausgleich zu allem bisher Gesehenem und Gefühltem. Diese Wesen waren wirklich anwesend, zu jedem Zeitpunkt ihres Seins. Nur sehr selten schweiften sie in die Zukunft oder die Vergangenheit ab. Wenn sie sich begegneten, konnten sie sich durch ihre wahre Anwesenheit wirklich sehen und nicht nur ihren äußeren Schein.

Diese noch Wenigen der gesamten Weltbevölkerung hatten verstanden, ihren Verstand und ihr Gefühl in Einklang zu bringen und somit auch ihr sonst so egogeprägtes Verhalten abzulegen. Sie besaßen genauso Emotionen wie der Rest der Bevölkerung, jedoch hatten sie gelernt, damit umzugehen und diese nicht gegen andere Lebensformen zu richten. Sie verstanden nicht nur was Liebe bedeutete, sie fühlten und lebten es. Diese Auserwählten wurden immer mehr, zwar von dem Rest der Gesellschaft teils kritisch beobachtet, mancherorts sogar verfolgt und ausgelöscht. Trotzdem setzte sich diese Art des Bewusstseins immer weiter durch. Sie waren auf einem möglichen sehr guten Weg.

Die Stimme des Obersten verklang ebenso wie die Projektoren in der Mitte des Raumes ihre Arbeit beendeten. Das Licht wurde langsam heller, was das Ende der Berichtserstattung darstellte. Langsam entfernten sich die Bewohner des Schiffes, um ihrer weiteren, für sie bestimmten Arbeit nachzugehen. Der große Sprung zum nächsten Ziel stand an.

Fast alle Bewohner waren nach den Schlussworten und Endsequenzen der Vorführung zuversichtlicher geworden, was den Fortbestand dieser so ungewöhnlichen Intelligenz auf dem besuchten Planeten anbelangte. Einige von Ihnen freuten sich schon darauf in 150 Jahren zurückzukehren und zu sehen, wie sich das ganze entwickelt hatte.

Sie hatten ein sehr gutes Gefühl.

 

©Edwin Ehrlich 30.07.2014

 

 

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