Der Gut-Mensch

 

Er tritt immer öfter in Erscheinung, er ist ein regelrechtes Phänomen geworden, der Gutmensch. Er etabliert sich in jeder Gesellschaftsschicht und auch in jeder Sozialstruktur, wo er seinen Platz immer weiter zu festigen versucht.
Seine stärkste Verbreitung jedoch hat der Gut-Mensch in der spirituellen Szene. Ebenso fasst er immer mehr Fuß in allen Bereichen, die sich stark dem Gedankengut der klassischen „romantischen Liebe“ hingezogen fühlen, wie Liebeslieder und Liebesgedichte.

(Anmerkung: Bevor du, lieber Leser, mich jetzt in der Luft zerreißen magst so gebe ich dir den Tipp einmal im Internet über die romantische Liebe nachzuforschen. Du wirst dich wundern, wie viele Beiträge es über die Auswirkungen durch den Glauben an die romantische Liebe gibt. Beiträge, geschrieben von Historikern, Psychologen und Psychiatern und auch von spirituell veranlagten Menschen.)

Wie erkennt man eigentlich einen ausgeprägten Gut-Menschen? Vom Prinzip her ist es ganz einfach. Er stellt sich der Gesellschaft gegenüber dar, wie wenn er nur gut und lieb und reinen Herzens ist. Soweit die Theorie. In der Praxis jedoch sieht das natürlich weitaus schwieriger aus. Das liegt wahrscheinlich daran, dass dieser Gut-Mensch sich eigentlich nicht verstellt, dem Anschein nach niemanden belügt. Außerdem spiegelt er ein Bild wieder, an welches die meisten von uns nur allzu gerne glauben wollen. Dieses Bild hat aber nichts mit der Realität zu tun. Der Gut-Mensch ist so überzeugt von sich und seiner Einstellung, dass er nicht einmal bemerkt, dass er sich selbst belügt. Deshalb werde ich mich auch hüten, ihn als Lügner hinzustellen, denn das ist er seiner eigenen Meinung nach und auch der Meinung der an ihn Glaubenden ja schließlich gar nicht.

Ich selbst bin schon immer drei Schritte rückwärts gegangen, wenn ich jemanden getroffen habe, der von sich selbst behauptet, er sei nur Licht und Liebe. Ja klar, jeder von uns trägt Licht und Liebe in sich, das ist etwas, das ich auch jedem wünsche. Aber „nur“ Licht und Liebe? Das ließ mich und lässt mich sofort aufhorchen. Meist geht es ja noch viel weiter. Diese Menschen können erzählen. Erzählen, was sie schon alles Tolles und liebevolles in ihrem Leben gemacht haben. Wem sie schon alles geholfen haben, wie strahlend und schön das Leben ist. Solche Menschen posten ausschließlich positive Dinge, würden niemals einen negativen Bericht liken oder weiterverbreiten, distanzieren sich mit aller Macht von diesen Dingen. Sie stehen ja schließlich auf der positiven Seite des Lebens und wollen allem Negativen keinen Raum gestatten.

Sprichst du sie aber weiter darauf an, dann beobachte einmal ihr Verhalten. Es wird sich verändern. Zuerst versuchen sie deine Worte zu dementieren. Dann wenden sie sich von dir ab und in manchen Fällen legen sie sogar ein äußerst aggressives Verhalten an den Tag um ihr Gut-Mensch sein zu verteidigen. Und auf einmal werden sie dich als das Böseste überhaupt hinstellen, was sie jemals kennengelernt haben. Dabei erhalten sie die vollkommene Unterstützung aller, die auf derselben Wellenlänge schwimmen. Diese Unterstützung brauchen sie schließlich auch, um Ihr eigenes, angeblich nur liebevolles Bild über sich aufrechtzuerhalten. Dann kann es passieren, dass sich diese Menschen in einen aggressiven Mob verwandeln, bereit, alles Nicht-Gute und Nicht-Liebende zu vertreiben oder im schlimmsten Falle zu vernichten. Und das alles im Auftrag der Liebe??? Sie merken nicht einmal mehr, dass sie selbst ein Verhalten an den Tag legen, das genau dem entspricht, was sie selbst ablehnen, sein zu wollen. Durch ihre gegenseitige Unterstützung können sie natürlich in diesem Glauben bleiben.

Vor vielen, vielen Jahren begegnete ich dem ersten Gut-Mensch, den ich als solchen erkannte. Eine eigentlich sehr liebenswerte Frau, die in ihrer Kindheit und ihrer langjährigen Ehe zutiefst verletzt wurde. Ihr Weg der Heilung bestand aus Ihrer Sicht darin, stark zu werden und nur noch in der Liebe zu stehen. Nächtelang haben wir damals durchdiskutiert, sie war nicht davon abzubringen, dass alles nur Positiv und liebevoll sei, vor allem Sie selbst. Sie ließ kein anderes Argument gelten. Ihr Herz sei so rein, sie trage nicht einmal einen Funken von Wut, Zorn oder einer Aggression in sich. Sie war so sehr von sich selbst überzeugt. Irgendwann langte es mir einfach. Ich reizte sie mit wenigen Sätzen so sehr, dass sie mir unvermittelt eine heftige Ohrfeige gab und mich wie von Sinnen anschrie: Ich trage nur liebevolle Dinge in mir, du bist die Ausgeburt des Bösen!!!
Hoppla???
Ein Moment des Schweigens. Nachdem ich sie dann fragte, was denn das nun liebevolles war, schmiss sie mich mit den schreienden Worten raus. „Das war nur wegen dir, du bist so ein böser Mensch.“ Ich habe nie mehr etwas von ihr gehört.

Heute unterhielt ich mich mit einem guten Bekannten über das Thema „Gut-Menschen.“ Er sagte nur sinngemäß:
„Das sind oftmals die Menschen, die irgendwann platzen. Die wild um sich schlagen und Massaker begehen. Die, die mobben, stalken und durchdrehen. Die immer ruhig waren und dann irgendwann mit all dem Druck nicht mehr umgehen können. Die platzen irgendwann und dann sind sie gefährlich. Das Leben ist eine Dualität und beide Seiten gehören zusammen“

Das Gute gehört zu uns genauso wie das Böse. Oder das Positive wie das Negative. Man kann es nennen, wie man möchte, es sind einfach nur Bezeichnungen. Jeder trägt alles davon in sich. Wer ein Teil davon verleugnet, warum er auch immer er das tut, verleugnet einen Teil von sich selbst. Er sieht sich selbst in einem verfälschten Bild, welches er nicht ist. Aus welchen Gründen auch immer steht er nicht zu sich selbst, zu seiner Ganzheit. Das können Verletzungen aus der Kindheit sein, damals lebenswichtige Schutzmechanismen, die er heute noch versucht zu leben. Nur, heute ist er erwachsen und hat die Möglichkeit sich für sich selbst zu entscheiden. Für alle seine Anteile. Wenn er immer noch Anteile an sich verleugnet, dann steht er nur scheinbar stark im Leben, ist es aber nicht wirklich. Und irgendwann wird er es selbst, ebenso wie andere Menschen erkennen.

Niemand ist nur gut, nur in der Liebe. Dann wäre er erleuchtet, ein Übermensch und würde nicht mehr unter uns weilen. Wir sind ausnahmslos alle spirituelle Wesen in einem menschlichen Körper. Nur eine Seite zu leben macht uns zu halben Menschen. Dabei spielt es keine Rolle, an was wir glauben. Menschen, die ihre Spiritualität ablehnen sind davon ebenso betroffen, wie Menschen, die ihr Menschsein ablehnen. Beide sind auf ihre Art vollkommen abgehoben und das spüren sie auch selbst. Sie spüren es spätestens dann selbst, wenn sie vollkommen alleine mit sich zur Ruhe kommen, sei es weil sie dazu aufgrund eines Geschehnisses gezwungen werden oder weil sie sich dazu entschließen. Sie werden dann die innere Unruhe spüren. Dieses Getrennt sein, nicht Ganz sein. Dann haben sie die Möglichkeit etwas für sich selbst zu ändern oder alles genau so weiter laufen zu lassen. Es ist ihre eigene Entscheidung.


Solltest du, lieber Leser, einer dieser Gut-Menschen sein, so fühle dich um Gottes Willen bitte nicht durch mich angemacht oder verurteilt. Das ist nicht meine Intension. Du bist wie du bist, du stehst dort, wo du stehst und du gehst den Weg, den genau du gehst. Und das ist gut so. Ich möchte dich weder verändern noch von irgendetwas überzeugen. Durch das Lesen dieser Zeilen darfst du dich reflektieren, musst es aber nicht. Meine Zeilen dienen immer nur dem „Darüber nachdenken“ mehr nicht. Es kann eine Hilfestellung sein, mehr nicht.

Ich bin froh, dass es sehr viele andere Menschen gibt, dass diese Gut-Menschen nur einen kleinen Anteil ausmachen. Aber wie ich bereits Anfangs erwähnt habe ist es ein Phänomen, welches immer mehr Boden gewinnt. Die meisten anderen Menschen können alle Anteile in sich integrieren und auch dazu stehen. Somit haben sie es auch einfacher im Leben und setzen sich selbst nicht so unter Druck.

Ich selbst behaupte von mir niemals, nur die angenehmen Teile zu besitzen. Ich schreibe zwar sehr viel über die Liebe und über die Vorstellungen schöner Dinge im Leben. Das bedeutet aber nicht, dass nicht auch ich viele negative Aspekte in mir trage. Ich stehe dazu und lerne immer mehr damit umzugehen, wenn sie hochkommen. Das ist menschlich und ein Teil von mir. Ohne diese negativen Aspekte würde ich kein vollwertiger Mensch mehr sein. Nur – ich möchte sie nicht verleugnen und mich hinter eine Maske des Guten stellen. Und wenn all die dunklen Seiten hochkommen, möchte ich gerne so wenig Menschen wie möglich damit verletzen. Immer wird mir das nicht gelingen. Aber immer öfter, niemals zur Gänze.